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SolAHRtal-Initiative hofft auf mehr Rückenwind

20. August 2022

Akteure fürchten verpasste Chancen beim Wiederaufbau

Befürchtungen, dass beim Wiederaufbau des von der Flutkatastrophe zerstörten Ahrtals die große Chance verpasst wird, erneuerbare Energien zeitnah und gezielt gegen den Klimawandel einzusetzen, werden bei den Initiatoren des Vorzeigeprojekts „Ahrtal wird SolAHRtal“ laut.

Sie hatten bereits im September 2021 ein Konzept vorgelegt, was eine Gruppe von Wissenschaftlern erarbeitet hatte, angestoßen von kommunalpolitischen Akteuren, den Scientists for Future sowie dem bundesweiten Arbeitskreis „Runder Tisch Erneuerbare Energien (RTEE)“, der sich für eine dezentrale Energiewende einsetzt.Basierend auf diesem Konzept liegt der SolAHRtal-Initiative seit Mai 2022 ein Masterplan vor, der es möglich machen soll, die Energieversorgung des Landkreises Ahrweiler bis 2030 komplett auf erneuerbare Energien umzurüsten. Dazu müssten die Kapazitäten für Solar- und Windenergie in der Region deutlich ausgebaut werden.

Sechs Windräder im nächsten Jahr

Pro Jahr sieht dieser Plan beim Solarstrom einen Zubau von 70 Megawatt (MW) auf Dächern und Freiflächen sowie bei der Windkraft von etwa 40 MW vor. Demnach sollen schon im Jahr 2023 sechs Windräder errichtet werden.

Für den jährlichen Fotovoltaikzubau sind folgende Kapazitäten zur Verfügung zu stellen: 35 Hektar für Freiflächen-Fotovoltaik und 30 bis 40 Megawatt Peak (MWp) Leistung auf Dachflächen. Außerdem sollen anstelle von Gas- und Öl-Heizungen dort, wo es möglich ist, Nahwärmenetze mit erneuerbaren Energien entstehen und darüber hinaus Wärmepumpen ergänzt durch Solarkollektoren installiert werden. Auch die Nutzung von Biomasse, etwa Holz oder Stroh, ist Teil des Konzepts. Hauptautor des Konzepts ist Professor Urban Weber von der TH Bingen, Studiengangsleiter Energie-, Gebäude- und Umweltmanagement. Er kritisiert, dass die Bestrebungen im Ahrtal hinsichtlich der Energiewende zu langsam vorangehen.

Wiederaufbaufonds ist tabu

Das Problem: Das Projekt, was nach einer ersten Schätzung 10 Millionen Euro kosten soll, kann nicht aus den Geldern des Wiederaufbaufonds finanziert werden, da dieses Geld laut der Aufbauhilfeverordnung 2021 ausschließlich für den Wiederaufbau und nicht für die Förderung energetischer Maßnahmen vorgesehen ist.

Die Landrätin des Kreises Ahrweiler, Cornelia Weigand, bestätigt auf RZ-Nachfrage: „Am 13. September 2021 wurde im Kreis- und Umweltausschuss bezüglich einer Projektgruppe zum nachhaltigen Wiederaufbau folgender Beschluss gefasst: ,Die Kreisverwaltung wird beauftragt, die Energieagentur Rheinland-Pfalz zu bitten, Kontakt zu den fachlich zuständigen Ministerien bei Bund und Land aufzunehmen. Ziel ist, das beschriebene Projekt schnellstmöglich umzusetzen. Neben der Finanzierung geht es auch um den Abbau rechtlicher Hemmnisse in Abstimmung mit den zuständigen Landes- und Bundesbehörden. Im weiteren Verlauf sollte die Energieagentur prüfen, ob und wie externe Institute oder Fachbüros in die Projektgruppe integriert werden können. Auf Basis dieser Ergebnisse werden die konkrete Projektorganisation sowie der genaue Projektauftrag dem Kreis-Umwelt-Ausschuss (KUA) erneut zur Entscheidung vorgelegt.‘ Das konkret ausgearbeitete Konzept der Initiative ,Aus Ahrtal wird SolAHRtaL‘ lag dem Kreis- und Umweltausschuss nicht vor und war somit auch nicht Teil des Beschlusses.“

Das jetzt vorliegende Konzept hat es verdient, eingehend gewürdigt zu werden.

Rainer Doemen, Mitglied der SolAHRtal-initiative

Die Kreisverwaltung habe am 17. September 2021 die Energieagentur gebeten, bei der Einrichtung eines Projektes zu unterstützen, die Abstimmung mit den Landes- und Bundesbehörden zu übernehmen und die Finanzierung zu klären. „Es hat sich ergeben, dass für Nachhaltigkeitskonzepte und -prozesse – und damit auch das Konzept ,Aus Ahrtal wird SolAHRtal‘ – keine Finanzierung aus dem Wiederaufbaufonds möglich ist“, bestätigt das Kreishaus.

Und weiter: „Um dem Anliegen des Beschlusses gerecht zu werden und zudem auch die Entscheidungsträger im Kreis in den Prozess zum nachhaltigen Wiederaufbau beziehungsweise der Energiewende besser einbinden zu können, wurde schließlich im März 2022 im Arbeitskreis Umwelt-, Klima- und Naturschutz die Projektgruppe ,Energiewende‘ gegründet. In der Projektgruppe werden alle Fraktionen im Kreis, die Fachabteilungen der Kreisverwaltung und die Energieagentur RLP eingebunden sowie nach Bedarf weitere Fachleute eingeladen.“

Projekt KAHR angeschlossen

Die Kreisverwaltung stehe außerdem in ständigem Austausch mit dem Land Rheinland-Pfalz, um grundsätzlich (Förder-)Möglichkeiten für einen klimafreundlichen und vor allem nachhaltigen Wiederaufbau zu erarbeiten. Darüber hinaus habe sich der Kreis Ahrweiler dem Projekt KAHR – Klimaanpassung, Hochwasservorsorge und Resilienz angeschlossen. Das vom Bundesministerium für Bildung und Forschung geförderte Projekt soll mit neuesten wissenschaftlichen Erkenntnissen die Aufbaumaßnahmen unterstützen. Ziel des KAHR-Projekts ist es, bis Ende 2024 konkrete Maßnahmen für einen klimaresilienten und zukunftsorientierten Wieder- und Neuaufbau in den vom Hochwasser betroffenen Regionen zu schaffen und eine Vielzahl von Handelnden zu beraten.“

Rainer Doemen, Mitstreiter der SolAHRtal-Initiative, Mitglied für die Kreis-FWG in Kreistagsgremien, Projektmanager im Solarverein Goldene Meile und Vorstandsmitglied im Solarenergie-Förderverein Deutschland, stört sich an Folgendem: „Das jetzt vorliegende Konzept ist von kompetenten Wissenschaftlern erstellt worden. Ein Jahr nach der Flut hat es verdient, unter Energie- und Klimaschutzexperten sowie Entscheidern auf Kreis-, Landes- und Bundesebene eingehend gewürdigt zu werden.“

Zielbezogene Gespräche notwendig

„Die Landrätin beantwortete Gesprächsbitten der Konzepterstellenden nicht. Ohne zielbezogene Gespräche über die fundierten komplexen und miteinander verwobenen Prozesse des Umbaus des Energiesystems im Kreisgebiet in den Bereichen Strom, Wärme und Verkehr mit relevanten Beteiligten, bei dem der Masterplan eingehend in Augenschein genommen wird, wird es dem Kreis Ahrweiler nicht gelingen, seinen Beitrag im Lichte der Entscheidung des Bundesverfassungsgerichts über die vier Klimaklagen gegen die Bundesregierung wegen Verfehlung des verbindlichen 1,5 Grad-Ziels für Deutschland zu erbringen“, kritisiert Doemen.

Stattdessen habe die Landrätin am 17. März im Arbeitskreis für Umwelt-, Klima- und Naturschutz unter dem Top „Verschiedenes“ das damals noch als „Projektskizze“ bezeichnete Konzept nicht positiv dargestellt. Außer den Fraktionssprechern kannte kein anderer Sitzungsteilnehmer den Inhalt. „Ich bin es in fast zwanzig Jahren Kommunalpolitik nicht gewohnt, dass unter dem Punkt Verschiedenes Beratungen und Beschlüsse von solcher Tragweite erfolgen“, so Doemen.

Hier geht es zu dem Projektvorschlag von SolAHRtal

20.08.2022 Judith Schuhmacher, Rhein-Zeitung online